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Wem nützt mehr Durchgangsverkehr in Wohngebieten?

pdf Stadtvereinsbote 2/2006

Bislang waren es nur bunte Linien auf Papier, doch jetzt folgen Taten: Mit der Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans von 1996 hatten die Stadtverordneten im letzten Jahr die Stadtverwaltung ermächtigt, weitere Planungsschritte für den Ausbau des Haupterschließungsstraßennetzes zu unternehmen.

Nach dem Motto „wer A sagt, muss auch B sagen" musste deshalb jetzt der Bebauungsplan für die Dorfstraße in Bergfelde im Bereich zwischen der B96 (Mittelstraße/Birkenwerderstraße) und der Mühlenbecker Straße/Triftstraße im historischen Kern geändert werden. Sah der alte Bebauungsplan dort noch eine Straße mit der besonderen Zweckbestimmung „verkehrsberuhigter Bereich" vor, wurde im Juni 2006 die Aufstellung eines neuen Bebauungsplans beschlossen, der einen Ausbau der Dorfstraße als Haupterschließungsstraße ohne jegliche Verkehrsberuhigung ermöglicht.

Auch die Ausbaupläne bezüglich der Leuschner- und Summter Straße in der Nähe des Wasserturms beweisen, dass die Interessen der Anlieger weitgehend unberücksichtigt bleiben. Diese sollen ohne nachgewiesenen Bedarf von wenig befahrenen Sandstraßen zu breiten Haupterschließungsstraßen ausgebaut werden.

Schlimmeres droht uns mit weiteren logischen Folgerungen aus dem aktuellen Verkehrsentwicklungsplan: Die perspektivische Schaffung einer Querverbindung durch den ganzen Ort vom Autobahnanschluss Mühlenbeck bis zum Autobahnanschluss Hennigsdorf/Velten ist nicht bloß „Netzergänzung" oder „Alternativstraße" , sondern bildet eine gänzlich neue Ost-West-Achse.

Im Einzelnen soll die Trasse von der Straße zwischen Summt und Briese über den Heideplan, die B96a, durch den Wald und die Zühlsdorfer Straße, über eine dort neu zu bauende Brücke über die Bahngleise, die Erdmannstraße, durch den Wald über Peter-Rosegger-Weg, die Goethestraße und später mit einem Brückenbau über den Oder-Havelkanal und die neue L20 zum Autobahnanschluss Hennigsdorf führen - als Haupterschließungsstraße mitten durch ruhige Wohngebiete und Wald.

Für das Teilstück mit der Verlängerung der Zühlsdorfer Straße durch den Wald betreibt die Verwaltung bereits das Planfeststellungsverfahren, was einigen Anwohnern im April 2006 vom Tiefbauamt in Hohen Neuendorf bestätigt wurde. Ein Mitarbeiter erklärte dabei sinngemäß, dass die Einwohner alle noch mal froh sein würden, eine Umgehungsstraße im Ort zu haben, wenn erst einmal die Autobahnmaut für Pkw eingeführt würde... Zur Erinnerung: Die Lkw-Mautflüchtlinge haben wir bereits jetzt vielerorts.

Andere Kommunen fördern Umgehungsstraßen außerhalb des Ortes, da sie im überörtlichen Verkehr ersticken, und das Wohnen durch Lärm, Staub und Abgase unerträglich wird. Die Verantwortlichen in unserer Stadt hingegen wollen bislang ruhige Wohngebiete mit mehr Durchgangsverkehr belasten in der irrigen Annahme, dies würde die B96 und die Schönfließer Straße entlasten. Um aber dort zu einer spürbaren Entlastung zu kommen, müsste ein erheblicher Teil des dort stattfindenden Verkehrs durch bislang ruhige Wohngebiete geführt werden.

Bei der laufenden Umstellung der Finanzpolitik des Landes auf die Förderung regionaler Wachstumskerne (z. B. OHV-Oranienburg/Velten/Hennigsdorf) besteht die Gefahr, dass für einen Neubau der L20 und der möglichen Brücke über den Oder-Havelkanal tatsächlich Geld zur Verfügung stehen könnte.

So würden dann alle Wald- und Wohngebiete an der Trasse durch die Niederheide, Wasserturmsiedlung, die gesamte Zühlsdorfer Straße und der Heideplan in den „Genuss" überörtlichen Durchgangsverkehrs kommen, ohne dass davon jedoch irgendeine Entlastung anderer Stadtgebiete ausgehen würde. Dies ist selbst in der 10 Jahre alten Erläuterung des Verkehrsentwicklungsplans zur Verlängerung der Zühlsdorfer Straße bereits vorausgesagt worden.

Für diesen wirtschaftlichen und städtebaulichen Unsinn sollen letztlich weiterhin weitere zusammenhängende Waldgebiete, die die Lebensqualität in unserer Stadt entscheidend bestimmen, zerschnitten und damit weiter zerstört werden. Konkret müssten laut einer von betroffenen Anwohnern gemeinsam mit der Forstverwaltung durchgeführten Baumzählung allein zwischen B96 und B96a ca. 800 Bäume des dortigen Mischwaldes fallen.

Aber hier geht es um die grüne Lunge unserer Stadt. Und natürlich hätten wir nichts dagegen, wenn die oft so genannten „minderwertigen" Monokulturen im Stadtgebiet als Mischwald aufgeforstet und damit qualitativ aufgewertet würden. Dies wären tatsächlich nachhaltige Investitionen in die Zukunft, mit denen man schleunigst beginnen sollte.

Die Einwohner zahlen bekanntlich den Löwenanteil der Straßenbaukosten. Sie vermissen oftmals Weitblick und Umsicht der Stadtverwaltung und Stadtverordneten, was den Gesamtraum Hohen Neuendorf / Birkenwerder angeht. Auch nach zehn Jahren bleibt der Ort Birkenwerder in der Mitte Hohen Neuendorfs bei Entwicklungen und Planungen unberücksichtigt. Kann so eine Stadt- und Verkehrsplanung für die Zukunft aussehen?

Wollen wir wirklich mit unseren Straßenbaubeiträgen und Steuergeldern dem Gewerbe und dem überörtlichen Verkehr kurze und schnelle Straßenverbindungen durch unsere Wohngebiete verschaffen? Oder wollen wir die hohe Wohn- und Lebensqualität in unserer Stadt für uns und unsere Kinder dauerhaft erhalten?

Ost-West-Achse (Klicken zum Vergrößern)

Was aber können wir und auch Sie für eine nachhaltige Stadtgestaltung und gegen ein kurzsichtiges Verspielen unserer wichtigsten Güter tun?

Autoren:
Bürgerinitiative „Pro Wald Zühlsdorfer Straße"
Anwohnerkreis „Leuschnerstraße"
Arbeitsgemeinschaft „Niederheide"
Stadtverein Hohen Neuendorf