Der Stadtverein konnte leider nicht an der politischen Gesprächsrunde zum Thema Stadtentwicklung im Rahmen des Herbstfestes teilnehmen. Daher möchten wir Ihnen an dieser Stelle gerne die Antworten unseres Fraktionsvorsitzenden, Dr. Guretzki, zu den im Vorfeld bekannt gegebenen Fragen nachliefern:

Sie sind selbst "Zugezogener". Seit wann sind Sie in Hohen Neuendorf, Bergfelde, Borgsdorf, Stolpe – und warum fiel Ihre Wahl auf den Ort? In welcher Umgebung leben Sie (eher Einfamilienhäuser, eher Geschosswohnungsbau)?

Die Nähe zu Berlin und unmittelbar bewaldetes Umfeld der Wohnquartiere - das war auch 2001 die meistgeschätzte Wohnqualität meiner Familie in diesem Ort.
Ein altes Haus der 20er Jahre passte vorzüglich dazu. Dazu kam, dass z.B. die Niederheide damals in mancher Hinsicht den Wohngebieten am Berliner Stadtrand 20-30 Jahren zuvor entsprach - mit ein bisschen mehr Raum und Urlaubsgefühl allerdings.

Wenn Sie sich vorstellen, wie Hohen Neuendorf 2035 aussieht, was sehen Sie dann? Ziehen Sie in ein Seniorenzentrum um, wünschen Sie sich eine kleine Wohnung oder ziehen Sie nach Birkenwerder?

Das Wichtigste ist, bis 2035 und darüber hinaus die Waldgebiete mit den Frischluftschneisen zwischen den Wohnquartieren zu sichern und dass nicht alle Freiflächen zuzubetoniert werden.
Wenn man den eigenen Garten noch täglich sehen möchte, wäre doch auch eine Wohngemeinschaft denkbar oder ein Anbau am Einfamilienhaus.
Nicht für jeden kann eine neue kleinere Wohnung im Ort errichtet werden, und eine Belegungsgarantie für Ortsansässige wird es sicherlich kaum geben.
Birkenwerder oder Hohen Neuendorf wird dann, so hoffe ich, nur noch eine Ortsteilentscheidung sein, da beide Kommunen zusammengewachsen sind.

Welches sind Ihre Lieblingsplätze, jetzt und später?

Die neugestalteten Stadtplätze sind schöne Orte zum Verweilen, und auch in den Läden und Cafés unserer Stadt hält man sich gern auf und trifft andere Menschen.
Auch das neue Rathaus sollte sich zu einem Begegnungszentrum entwickeln.
Mein bevorzugter Ort wird sicherlich der Kulturbahnhof sein, den es schnell fertig zu stellen gilt. Die Kaufland-Kreuzung gehört eher weniger dazu.
Der irgendwann einmal bebaute Wildbergplatz wird es auch nicht verbessern können. Für die Zukunft müssen wir darauf achten, Orte mit Aufenthaltsqualität zu schaffen.

Hohen Neuendorf ist ein Vorort von Berlin? Na und, macht das was?

Vorort, Nachort, Unterort, i-Punkt? Die Nähe zur Großstadt Berlin ist ein Teil der Qualität unserer Kommunen und ihrer Ortsteile.
Nicht alle wirtschaflichen und kulturellen Angebote müssen daher hierher kopiert werden. Aber die bessere Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist anzustreben - das macht viel aus!

Oder doch nicht? Hat Hohen Neuendorf einen eigenen Charakter, und wenn ja, worin besteht der denn?

Der eigene Charakter ist hier über die vielen Jahrzehnte gewachsen, genau wie die Menschen und Einwohnerzahl hier.
Die Mischung aus Wohnen und Kleingewerbe, Vorstadtbebauung mit Bahnhöfen, erlebbarer Landschaft zwischen den Wohnquartieren mit ganz unterschiedlicher Prägung und immer wieder Freiflächen machen den besonderen Reiz aus.
Das ist im Leitbildprozess gut herausgearbeitet worden.

Wohin will Hohen Neuendorf? Schlafstadt oder totale Unabhängigkeit von Berlin bzw. anderen Städten der Umgebung? Das Spannungsfeld liegt zwischen „So lassen, wie es jetzt ist, schön grün, aber auch mit defizitärer Infrastruktur (kein Schwimmbad, kein Kino) und Mittelzentrum mit Innenstadtcharakter.

Schön grün - auf jeden Fall!
Wenn wir alles umbauen, wird sich der Charakter verändern. Und da gab es vor 100 Jahren weniger Vorschriften und Einflussgrößen und manchmal auch bessere Gestaltungssicherheit.
Wenn wir die Qualitäten erhalten wollen, sollten wir die Wohnquartiere, die Waldgebiete dazwischen und die Geschäftsstraßen so fördern, dass sie in jedem Fall erhalten bleiben.
Es ist eine Frage der Bedürfnisse ob man von Defiziten sprechen will. Schwimmbad und Kino müssen wirtschaftlich funktionieren, dann kommen sie auch hierher, sonst gibt es schnell ein Defizit - dann aber im Stadthaushalt.
Bei sehr hohem Siedlungsdruck könnten wir auch eine ganz neue Ortsmitte mit Hochhäusern bekommen.
Wenn wir das als Stadt zulassen, wären wir nicht „besser“ als das Regime, das den Berliner Güteraussenring mitten durch den Dorfanger geschlagen hat. Das schließe ich aus.

Welchen Nutzen bringen 2000, 3000 zusätzliche Einwohner denjenigen, die jetzt schon da sind? (Infrastruktur wie Schwimmbad) (Schwimmbad wird immer wieder mal gefordert, ist zum Beispiel Thema in jedem Bürgerhaushalt)

Die Sicherheit einer soliden Haushaltsführung entsteht durch sichere Einnahmen - und die kommen in Hohen Neuendorf besonders durch die überdurchnittlich verdienenden Haushalte.
So können die notwendigen Ausgaben weiterhin getätigt werden, ohne dass die Stadt sich übermäßig verschuldet. Kultureinrichtungen wie in Berlin werden dadurch trotzdem nicht bezahlbar - und Berlin, Hennigsdorf und Oranienburg sind doch nah.
Gerade weil wir keine Industrie ansiedeln wollen und können, müssen wir als Wohnort für die Menschen attraktiv bleiben, und das auf Dauer!
Dazu gehört auch ein moderater, gleichmäßiger Zuwachs. Ein ungeregelter Zuzugs-Boom ohne gute Infrastruktur- und Verkehrslösungen gefährdet die gute Wohnqualität und die Einkommenslage der Stadt.

Die These ist, dass der Bedarf da ist und dass Wildwuchs entsteht, wenn die Stadt die Dinge nicht regelt. Dann wird nach § 34 Baugesetzbuch gebaut, und Ihr Einfluss ist gering. Sie alle reden von Verdichtung mit Struktur und Augenmaß. Aber stimmt es denn nicht, dass dieser Bedarf sowieso nie gedeckt werden kann?

Ich bin von manchen Aussagen nicht überzeugt. Ohne Bebauungspläne und Gestaltungssatzungen ist der Einfluß der Stadt geringer, trotzdem könnte sie kritischer mit unangemessenen Bauprojekten umgehen als sie es bisher tut.
Kompetente Projektentwickler dagegen sollten früher und besser an die Entscheidungsträger herangeführt werden.
Nicht alle Bedarfe können in Hohen Neuendorf gedeckt werden - und da sollten Politik und Verwaltung gemeinsam festlegen, wie gute Stadtgestaltung aussieht - als großer Planansatz. Das geht nur mit Fachkompetenz, Voraussicht und Umsicht - denn externe Planer verdienen meist am vergrößerten Bauumfang mit.